MDB Klaus-Peter Willsch empfiehlt: Radioaktivität für Alle!

4. April 2011 | Von Pressemitteilung | Kategorie: Deutschland, Politik

In seinem „Hauptstadtbrief Nr. 93“ bekräftig der Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch (CDU, Direktmandat des Wahlkreises Rheingau-Taunus, Limburg-Weilburg) mit kaum zu überbietendem Zynismus seine unverantwortliche Haltung zur Atompolitik in Deutschland. Sein am 25.3.2011 veröffentlichtes Pamphlet verharmlost das nukleare Desaster in Japan. So sei von der verheerenden Naturkatastrophe „auch“ die japanische Atomindustrie „betroffen“. Natürlich kann auch Hardliner Willsch nicht leugnen, dass im Nuklearzentrum Fukushima in „mehreren Reaktoren die Kernschmelze droht“ und das „Gebiet zum Schutz der Bevölkerung weiträumig“ geräumt wurde. Wie wenig diese Schönfärberei mit der Wirklichkeit in Fukushima zu tun hat, können die Menschen täglich über alle Medien verfolgen. Die Kornkammer Japans ist absehbar auf Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte unbewohnbar und nicht mehr nutzbar. Strahlentod und schwerste gesundheitliche Folgen für die betroffenen Menschen, auch in künftigen Generationen sind unvermeidlich. Die Folgen werden weltweit spürbar sein.

Willsch betont, dass er selbst und persönlich, seiner Regierung hinsichtlich des verhängten Moratoriums für die ältesten Schrottreaktoren „kritisch gegenübersteht“. Willsch ist der Meinung, dass diese höchst riskanten Schrottreaktoren „sicher“ sind. Zwar steht Japan gerade vor den Trümmern seiner Energiepolitik, aber Willsch versucht nun, uns zu verkaufen, „deutsche“ Atomkraftanlagen seien „sicher“. Einzige Begründung: „Japan ist nicht Deutschland“ und in Deutschland sei „alles anders“.

Klaus-Peter Willsch behauptet, ein Erdbeben wie in Japan (Stärke 9) sei in Deutschland nicht möglich. Beben der Stärke 4,4 wie in Deutschland, würden in Japan gar nicht wahr genommen. Willsch übersieht dabei, dass die japanische Regierung, die Atomindustrie und sogenannte Experten Beben der Stärke 9 für schlicht unwahrscheinlich hielten und deshalb die Atomanlagen auch nicht entsprechend ausgelegt wurden. Japanische Anlagen übertreffen in ihren Sicherheitsanforderungen an Erdbebensicherheit jedoch die deutschen Anlagen. Sie galten bisher überhaupt weltweit als „sicher“ und High-Tech. Deutsche Anlagen bewegen sich im internationalen Ranking allenfalls im Mittelfeld und sie sind eben auch nur für entsprechend leichtere „vermutet wahrscheinliche Erdbeben“ ausgelegt, die siehe Japan, eben doch auch stärker ausfallen können. Die entscheidende Ursache für den Super GAU jedoch war nicht „allgemein“ das Erdbeben und der Tsunami wie Willsch uns glauben machen will, sondern das komplette Versagen des Kühlsystems in allen Reaktoren in Fukushima und dem Abklingbecken nach einem zu erwartenden Erdbeben und Tsunami (weil Japan, wie gerade den Japanern sehr bewusst ist, im „Ring of Fire“ liegt). Über den Zustand anderer Nuklearanlagen ist bisher darüber hinaus bisher noch gar nichts verlautbart. Das lässt Schlimmstes befürchten, weil die „Öffentlichkeitsarbeit“ der TEPCO nicht ehrlicher ist, wie die russische zum Tschernobyl-Desaster. Wahrheit gibt es nur scheibchenweise und nach einem undurchsichtigen Wust verwirrender Nachrichten.

Die Ursachen für ein Versagen des Kühlsystems in AKWs sind vielfältig und das Versagen des Kühlsystems in AKWs ist die allgemein bekannte wichtigste Gefahren-, also Risikoquelle. Eine „sichere“ Energieversorgung durch AKW ist bekanntlich auch in Europa nicht gewährleistet. So führte der Jahrhundertsommer 2003 zu zahlreichen Abschaltungen von AKW in Frankreich mangels Wasser in den Flüssen. In besonders strengen Wintern sind in Deutschland ganze Leitungstrassen zusammengebrochen: Die Folge waren flächendeckende Stromausfälle (auch AKW benötigen Strom z.B. für die Pumpen). Unzulänglich ist die Sicherung deutscher AKW und Zwischenlager gegen Flugzeugabstürze und Terroranschläge. All dies wird aktuell breit in der Öffentlichkeit diskutiert. Nur MdB Klaus-Peter Willsch setzt sich darüber hinweg und beharrt rechthaberisch auf seinem Glaubenssatz.

Zahlreiche Fast-GAU in Deutschland sprechen ihre eigene Sprache. Wenn der MdB Klaus-Peter Willsch selbst angesichts einer mörderischen Katastrophe in Japan nun der Regierung seiner eigenen Parteifreund/innen in Berlin widerspricht, die, wenn auch spät, nur zögerlich gewillt sind, umzudenken, doch immerhin nun ihre Entscheidung überdenken, spricht das eine wirklich deutliche Sprache.

Willsch erwähnt, die Kosten für die Naturkatastrophe in Japan (damit meint er Erdbeben und Tsunami) würden voraussichtlich 271 Milliarden Euro betragen. Willsch vergisst freilich zu erwähnen, dass in diesem Betrag die Nuklearkatastrophe noch gar nicht „eingepreist“ ist. Die Kosten dieser menschengemachten Katastrophe sind noch gar nicht abzusehen, aber es ist bereits abzusehen, dass das Betreiberunternehmen TEPCO kurz vor dem wirtschaftlichen Ende steht (zu deutsch Pleite, damit auch Herr Willsch das versteht).

Herr Willsch klärt uns auch nicht darüber auf, dass es für Atomanlagen keine Versicherung gibt, die für die Folgen aus Nuklearunfällen einsteht. Keine Versicherung ist so verrückt, das damit verbundene Risiko zu versichern. Würde es eine solche Versicherung geben, würde sich der Preis einer Kilowattstunde Atomstrom von ca. 0,20 € auf ca. 2,70 erhöhen (damit auch das Märchen vom „billigen Atomstrom“ für Herrn Willsch als Märchen durchschaut werden kann). Das Risiko dieser Technologie wird also vollständig den Menschen im Land aufgebürdet. Sollte es in Biblis zu einem denkbaren Desaster kommen, wären die Bewohner/innen des Rhein-Maingebietes unmittelbar betroffen, also unter anderem die Bewohner/innen der Städte Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Mannheim, Heidelberg, Mainz, Wiesbaden um nur die erkennbar größeren Städte zu nennen.

MdB Willsch wiederholt gebetsmühlenartig das Mantra von der „Brückentechnologie“ Atomkraft. Nun ja, Herr Willsch: Die Brücke ist gerade eingestürzt!

MdB Willsch ist als Bundespolitiker für die Menschen im Land verantwortlich. In Hessen haben wir das AKW Biblis. Die von Willsch zur Schau gestellte Leichtfertigkeit im Umgang mit Leben und Gesundheit der Menschen („kollaterales Restrisiko“?) ist unverantwortlich und skandalös.

Soeben gemeldet (7.4.2011):
Reservestromleitung im AKW Biblis versagt
Wie dpa informiert, hat nach einem Brand in einer Umspannanlage die Umschaltung auf das Reservenetz versagt. Wie der Betreiber RWE und das hessische Umweltministerium am Donnerstag bekanntgaben, hatten bei der Störung am Montag zwei von vier Versorgungsschienen nicht automatisch umgeschaltet. Der betroffene Block A des Atomkraftwerks sei jedoch weiter über zwei Dieselaggregate mit Strom versorgt worden. Nach 50 Minuten konnte der Vorfall zwar behoben werden, aber Zwiefel an der Einstufung 0 (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung) ist mehr als zweifelhaft und eher der notorischen Verharmlosung der RWE und des hessischen Umweltministeriums gechuldet. Die Ursache für den Brand und die Störung der Anbindung an das öffentliche Hochspannungsnetz war zunächst unklar. Der Biblis-Block A ist derzeit aufgrund des Atom-Moratoriums der Bundesregierung abgeschaltet.

Aus Worms werden Zweifel laut.
Das Ganze ist kritischer, als es den Anschein hat, und ist in sich widersprüchlich: Entweder haben nur 2 von 4 Reserveleitungen versagt, dann wäre der Einsatz von “Dieselaggregaten” nicht erforderlich und diese würden auch nicht automatisch angelaufen sein. Oder es haben alle Reserveleitungen versagt, dann wäre es viel kritischer, dann wäre ein Störfall der Kategorie “3 – Schwerer Störfall” die realistische Einstufung. Die Gefahr, dass es auch bei abgeschalteten AKWs bei einem Ausfall der Kühlung zu Kernschmelzen kommen kann, wurde in Fukushima Realität.

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