Denk ich an Frankreich …

9. April 2011 | Von Gastbeitrag | Kategorie: Europa, Politik

von Simon Lissner, April 2011

… in der Nacht bin ich um den Schlaf gebracht. Bei vorherrschenden Westwinden wäre Deutschland im Falle eines Super GAU in einem französischen AKW unvermeidlich schwer in Mitleidenschaft gezogen, oder bildlich gesprochen, “… da wären wir alle futsch”.

Das von der Atomindustrie und ihrer Anhängerschaft in den europäischen Regierungen gebetsmühlenartig wiederholte Mantra vom “vertretbaren Restrisiko” hingegen, hält sich nicht an Grenzen. Während seinerzeit nach dem Super GAU in Tschernobyl bald bekannt wurde, dass der Fall-Out in ganz Europa Folgen haben würde, behaupteten einzigartig, die französischen Behörden, die radioaktiven Wolken hätten vor den Grenzen Frankreichs halt gemacht. Sie machten sich freilich nicht die Mühe, dieses “Wunder” zu erklären.

Kaum ist der Super GAU in seiner ganzen, internationalen Tragweite in Japan (Fukushima) zu überblicken, erklärt “Staatspräsident Nicolas Sarkozy, … noch in dieser Woche, dass natürlich in Frankreich keine Rede von einem Atomausstieg sein könne“. (“die presse.com vom 18.3.2011″)

Und: Natürlich seien die französischen Atomkraftwerke die sichersten der Welt, tönt Sarkozy wie gewöhnlich von Selbstzweifeln ungetrübt (Anbei eine exemplarisch, nicht vollständige Übersicht über die Störfälle in eurpäischen AKW).

Während in Deutschland unterdessen keine politische Partei mehr daran zweifelt, dass Deutschland aus der “friedlichen Nutzung der Atomenergie” aussteigen wird, strittig ist der Zeitpunkt, dürfte ein Schlüssel für den europäischen Ausstieg aus der Nuklearenergie in Frankreich liegen. Ein weiterer Schlüssel liegt auf den britischen Inseln. Diese beiden europäischen Nationen sind militärische Atommächte. Wirklichen militärischen Nutzen der nuklearen Rüstung dieser beiden Nationen, haben die Kriegsarsenale nicht. Abgesehen von der Fragwürdigkeit dieser Waffenarsenale weltweit, richteten sich die französischen und britischen Nukleararsenale zunächst gegen ein wiedererstarkendes Deutschland nach 1945. Im Zuge der Verschiebung der Bündnisprioritäten sahen besonders die französischen Regierenden die “Force de Frappe” als zentrales Element ihrer politischen Unabhängigkeit, auch von Bündnismächten (USA) und als “Sicherheitsgarantie” gegen die nuklear hoch gerüstete damalige UdSSR. Auch heute noch halten praktisch alle französischen Regierungen an ihrer Nuklear-Doktrin fest, auch wenn diese Doktrin unterdessen vollends zum nationalen Prestige-Projekt verkommen ist, die keinerlei militärischen Nutzen in einer veränderten Weltlage erkennen lässt. Vor was und gegen wen soll die Force de Frappe “schützen”, bzw. nützen? Europa ist zwar noch weit von einer politischen Union entfernt, aber eine nukleare Bedrohung existiert nicht. Das neue Russland ist keine Bedrohung und droht nicht mit nuklearen “Erstschlägen”, versucht im Gegenteil die konsequente Annäherung an NATO und Europäische Union und ist um ständige Verbesserung der politischen Beziehungen bemüht. Und in einem Vergleich mit den nuklearen Großmächten sind die Arsenale der Franzosen und Briten zusammen genommen, allenfalls, wenn auch besonders für die eigene Bevölkerung, gefährliche, “Peanuts”.

Das mit staatlichen Höchstsubventionen gestützte französische Nuklearprogramm mit “geschlossenem nuklearen Kreislauf (inklusive Wiederaufbereitungsanlage)” wird gerade auch wegen seines politisch/ideologisch begründeten “Wertes”, sozusagen als Teil der französischen Identität, mit härtesten Bandagen verteidigt. Kein Preis scheint zu hoch, Proteste gegen das Nuklearprogramm gar nicht erst aufkommen zu lassen, im Zweifel mit brutalsten Mitteln zu zerschlagen. In den 1970iger Jahren setzte die französische Regierung den massiven Ausbau mit härtesten Methoden durch. Atomkraftgegner/innen wurden kriminalisiert, verfolgt, inhaftiert, verstümmelt und getötet (z.B. der Kampf um den Superphenix, ein Bericht über jene Zeit von “Rote Hilfe”). Das Wort vom “Atomstaat” machte die Runde, vor den Toren von Atomkraftwerken und anderen nuklearen Anlagen endet der demokratische Sektor eines jeden Landes. (Zwanzig Jahre Widerstand gegen die Atomindustrie). Die fortgesetzten Brutalitäten der Staatsmacht führten zu einer Radikalisierung des Widerstandes. Bewaffnete, terroristische Gruppen versuchten auf den Zug aufzuspringen.

Seit 2010 ist das Symbol französischen Größenwahns geschlossen. “Creys-Malville war das vorletzte Kernkraftwerk in Westeuropa, welches mit einem Brutreaktor Strom erzeugte. Seit 1. Februar 2010 ist auch das letzte, das französische Kernkraftwerk Phénix offiziell abgeschaltet. Nur Russland setzt weiter auf Brutreaktoren. Nach einem Bericht des Cour des Comptes von 1996 belaufen sich die Kosten für das Kraftwerk bis heute auf umgerechnet 9,1 Milliarden Euro. Die letzten der 650 Brennstäbe wurden am 18. März 2003 entfernt und befinden sich gegenwärtig in Kühlbecken (Wikepedia).

Die Brutreaktorlinie hat auch in Deutschland seine Ruine. Am 21.3.1991 kam das Aus für den Schnellen Brüter in Kalkar. Irrwitzige Kosten aus dem Steuersäckel for nothing ist stetes Merkmal der internationalen Atomindustrie. Kalkar ist heute Vergnügungspark. Bis dahin war ein weiter Weg, der ca. 3,6 Mrd. Euro verschlang und dem Atomphysiker Klaus Traube, mit 20 jähriger Laufbahn in der Atomindustrie und damals Chef der Interatom den Job kostete (Entlassung wegen “Verdachts der Informationsweitergabe”, anschließend ein Prominenter, höchst kompetenter Gegner der Atomkraft, wikepedia).  Das ist eine der größten Investitionsruinen Deutschlands.

Die Gefahr steht in Frankreich …
Und Frankreich verbreitet diese moderne, selbstgeschaffene Pest über die ganze Welt. Kein Deal mit noch so schlimmen Despoten, an dem Frankreich nicht beteiligt wäre (jüngstes Beispiel, die nukleare Geschäftsanbahnung zu Libyens Gaddafi).

Politisch ist es eine Fleißarbeit, den ständigen Störfällen von Nuklearanlagen hinterher zusteigen, aber es ist angesichts der Fülle der Stör- und ja massiven, Unfälle, müßig. Müßig ist es die fortgesetzten Lügen und gegenseitigen Schuldzuweisungen der Atombetreiber anzuhören (“unsere AKW sind sicher, die der anderen sind das Problem …”). Fukushima ist ein Beispiel für die Verlogenheit einer Industrie, die selbst im Angesicht schlimmster und mörderischster Atomkatastrophen die Menschen belügt und betrügt. Man mag einzelnen Managern der Tepco zu Gute halten, dass es die pure Verzweiflung und Not ist, die sie zur Lüge und zur Vertuschung greifen lässt. Das ist fast schon ein menschlicher Zug im Anblick des von diesen Leuten verursachten monströsen menschlichen Leids. Dennoch: Fukushima zeigt auch: Diese Leute Lügen und Betrügen schlimmer, als wir in einer Demokratie erwarten durften. Sie übertreffen die Kommunikations Salto Mortali der Verantwortlichen der ehemaligen UdSSR zu Tschernobyl um ein Vielfaches.

Frankreich, Sklave der Nuklearindustrie
Frankreich hat sich zu nahezu 80% von Kernkraft abhängig gemacht. Diese Abhängigkeit von dieser Industrie hat Frankreich gesetzlich abgesichert. Im Gesetz zu den Leitlinien der französischen Energiepolitik von 2005 bekräftigt Frankreich, dass die Kernenergie weiterhin zentraler Träger der französischen Energieversorgung ist. Im Jahr 2020 endet der Lebenszyklus eines Drittels der 58 Atomkraftwerke. Das ist das Eingeständnis, dass wenigstens ein Drittel der derzeit laufenden Anlagen bereits jetzt ungefähr den Zustand eines Schrotthaufens mit staatlicher Zulassung erreicht haben, wie er bei keiner Industrieanlage akzeptiert würde. Die ältesten dieser Anlagen sind seit den 1950iger Jahren bis in die 1970iger Jahre gebaut worden. Seit April 2007 baut Frankreich an einem Reaktor der dritten Generation EPR2 in Flamanville im Département Manche, Normandie, Atlantik. (Die Kernenergie in Frankreich, pdf, Botschaft Frankreich)

Die von der französischen Botschaft verbreiteten Lobeshymnen auf die Nuklearindustrie des Landes und der Hinweis auf den EPR2, sind allenfalls geeignet, Gläubige für dumm zu verkaufen. Den EPR2 plagen ähnliche Probleme, wie sie auch aus Finnland bekannt sind. Bereits 2008 wurde ein mehrmonatiger Baustopp verfügt, weil den Bau permanent Qualitätskontrollprobleme plagen und die Kosten steigen und steigen.

Die Wartung dieser Schrotthaufen ist miserabel. Fachkräfte der EDF werden bereits seit einigen Jahren sukzessive entlassen und ein großer Teil wird bis 2015 in den Ruhestand geschickt. Die Lücke füllen Zeitarbeiter. So berichtet die Süddeutsche Zeitung im November 2008 davon, dass mehrere Zeitarbeiter “leicht innerlich bei Wartungsarbeiten verstrahlt wurden” (SZ, Atomkraftwerk Fessenheim verstrahlt Zeitarbeiter).

Eine besonders “charmante” Lüge der französischen Atomfreunde ist auch uns bestens bekannt. Der französische Atomstrom sei so “wunderbar billig”. Das mag für die deutsche Chemieindustrie gelten, die auf die Abnahme des Stroms aus französischen Schrotthaufen zu Dumpingpreisen drängt, nicht aber für die französischen Verbraucher/innen.

IPPNW schreibt “Wenn Atomstrom aus dem Ausland importiert wird, dann liegt das zum einen an fehlerhaften Mechanismen an den Strombörsen. Zum anderen daran, dass etwa die Chemische Industrie auf dem Import französischen Atomstroms zu Dumpingpreisen besteht, statt die eigenen Stromsparpotenziale zu mobilisieren” (siehe Meldung des IPPN). Die EUROPEAN GREENS stellen die Angaben hinsichtlich der Verbraucherpreise richtig: “Niedrige Strompreise, hohe Energierechnungen. Bei den standardisierten Verbraucherpreisen der Haushalte lag Frankreich Anfang 2007 an 13. Stelle unter den 27 EU Mitgliedsländern, auf demselben Rang wie Spanien oder GB. Beim Preisvergleich nach den Kaufkraftstandards (Purchasing Power Standards/PPS) rückt Frankreich auf den dritten Platz vor hinter Griechenland und Finnland, aber nur geringfügig preiswerter als GB oder Spanien. Der durchschnittliche französische Industrieverbraucher findet sich auf dem 6. Platz in der EU. Der Vergleich nach PPS bringt Frankreich auf den vierten Platz nach Finnland, Dänemark und Schweden.” (Eine umfangreiche Darstellung des französichen Nuklearprogrammes, pdf, European Greens)

Mit Atomstrom gehen die Lichter aus …
Tschernobyl jährt sich zum 25. mal. Am Ostermontag wird weltweit des ersten, in seinen Auswirkungen weltweit verheerenden Super GAU gedacht werden, der die zivilisierte Menschheit erschütterte. Das Gebiet um Tschernobyl ist auf Menschengendenken unbewohnbar und radioaktiv verseucht. Fast auf den Monat genau 25 Jahre später wiederholt sich diese Katastrophe in Japan. Allen Lügen zum trotz und ein für die Menschen in Japan lebensgefährliches Krisen”management” durch die japanische Regierung und die Betreiberfirma Tepco, zeichnet sich ab, dass die “Kornkammer Japans” großflächig, also der Norden des Landes, auf Jahrhunderte verseucht sein wird. Die Regierung weigert sich auch einen Monat nach dem Desaster, die Menschen großräumig zu evakuieren, obwohl immer dringlicher gemahnt wird, dass sogenannte radioaktive “Hotspots” im weiten Umkreis der offiziellen Evakuierungszone gefunden werden. Radioaktive Wolken halten sich nicht an von Menschen gezogene Grenzen. Das Misstrauen gegen die Aussagen der japanische Regierung hinsichtlich der Lebensmittelproduktion wächst weltweit und wird den weiteren Zusammenbruch japanischer Lebensmittelindustrie nach sich ziehen. Die Lichter in Japan gehen aus. In einem tragisch und furchtbar anderen Sinne, als uns die Atombefürworter/innen glauben machen wollen.

Es ist nicht auszudenken, träte ein solcher Unfall in Frankreich ein. In Frankreich stehen 58 potentielle Kandidaten, in Deutschland werden es auch nach dem Moratorium wenigstens acht Reaktoren sein, es sei denn die Atomkraftgegner/innen erkämpfen den sofortigen Ausstieg. Insgesamt stehen in Europa 193 Reaktorblöcke. Hinzu kommen Wiederaufbereitungsanlagen, legale und illegale Lagerstätten, Uranverseuchungen in den Abbaugebieten, eine ungelöste Lagerfrage für radioaktive Abfälle, Atombomben diverser Kaliber …

Geradezu grotesk muten die Stellungnahmen aus den Gemeinden an, in denen Kernkraftwerke stehen. Die Gemeinde Biblis lässt sich ihre Homepage vom Kraftwerksbetreiber sponsern. Die auch von der örtlichen SPD unterstützte, parteilose Bürgermeisterin Dr. Hildegard Cornelius-Gaus (Gemeindeseite Biblis) fürchtet um die durch eine Schließung des Atomkraftwerkes verloren gehenden Arbeitsplätze.

Sie glaubt dass die Atomkraftwerke sicher sind. Wer glaubt, weiß es bekanntlich nicht. Ihre Stellungnahme gab sie in Kenntnis von Erdbeben, Tsunami und dem Desaster von Fukushima ab. Cornelius-Gaus mangelt es vor allem auch an Zukunftsvorstellung für Biblis. Die Schließung von Biblis wird auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte Arbeitsplätze erhalten, die durchaus Gefahrenpotential enthalten. Dennoch: Atomkraftwerke werden nicht über Nacht verschrottet. Kompetente Physiker, Ingenieure, Abbruchspezialisten und vieles mehr werden gebraucht und selbstredend Spezialisten für den Aufbau einer dezentralen, schonenden Energieversorgung für die Bevölkerung (dpa Meldung nach morgenweb.de, 15.3.11).

Simon Lissner ist Mitglied des Kreisvorstand
von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Limburg-Weilburg
und Gegner der Nukleartechnologie

Tschernobyl war der Anfang vom Ende (Michael Gorbatschow)

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2 Kommentare
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  1. Immer wenn es in Frankreich zu Großdemonstrationen, Streiks und Blockaden wegen wie zuletzt im Jahre 2010 der Rentenreform kommt hört man die gleichen Sprüche: “Unseren französischen Nachbarn ist Kadavergehorsam fremd, das unterscheidet sie vom deutschen Michel der sich alles gefallen lässt.”

    Aber, während Franzosen genüsslich im Schatten von teils uralten Atommeilern ihr Baguette genießen und sich von der Regierung erzählen lassen (und es mehrheitlich auch zu glauben scheinen) das die radioaktive Strahlung von Tschernobyl vor den Grenzen Frankreichs halt gemacht hat und das französische Reaktoren die sichersten der Welt seien sind es wieder mal die Deutschen die im Angesicht der Katastrophe von Fukushima auf die Straße gehen und aus gutem Grund gegen Atomkraft und für die Abschaltung von AKW`s protestieren.

    Anscheinend ist es der Atom-Lobby über die Jahre hinweg gelungen die französischen Revolutionäre erfolgreich zu betäuben und “gehirnzuwaschen”, anders ist dieser leichtfertige und gutgläubige Leichtsinn wohl kaum zu erklären.

    Beim Thema Atomkraft und den Gefahren die damit verbunden sind zeigt sich der “Deutsche Michel” als quicklebendiger, hellwacher und kritischer Bürger der nicht bereit ist den Lügen einer korrupten Atom-Lobby Gehör zu schenken.

    An dieser Stelle ein dreifach donnerndes “Hallo Wach” an unsere Freunde in Frankreich, verbunden mit der Hoffnung das diese endlich aufwachen bevor es zu spät ist.

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