Aufstand in Kairo
5. Februar 2011 | Von bruni | Kategorie: Internationales, PolitikKairo, 4.2.2011
von Tino Shahin
Die Proteste habe ich persönlich erstmals am Donnerstag, den 27. Januar, wahrgenommen. Es war âTag der SicherheitskrĂ€fteâ, der allerdings von Regimegegnern genutzt wurde. Auch unmittelbar an meiner Wohnung in Dokki gab es einen Protestzug auf der UniversitĂ€tsstraĂe. Bewohner, die die Sprechchöre hörten, gingen, wie ich auch, vor die TĂŒr um zu sehen, was passiert. Demonstrationen habe ich in den 4 Monaten bis dahin in Ăgypten noch nicht erlebt.
Als ich am Freitag, den 28. Januar, aufwachte, gab es plötzlich keinen Internet-Zugang mehr. Auch Anrufe ĂŒber mein Mobiltelefon waren nicht mehr möglich. Somit hatte ich in meiner Wohnung hauptsĂ€chlich ĂŒber den Fernseher Zugang zu Informationen. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen wollte ich in die Stadt. Die Metro hielt aber nicht mehr an der Station Sadat am Tahrir-Platz (Freiheitsplatz) â so sollten wohl weniger Demonstranten den zentralen Ort erreichen. Nach der Freitagspredigt fingen an diesem Tag die StraĂenschlachten statt.
Tausende versuchten zu FuĂ zum Tahrir-Platz zu gelangen. Die Polizei, die so zahlreich wie noch nie erschien, setzte Wasserwerfer und TrĂ€nengas ein, um dies zu unterbinden. Auf der NilbrĂŒcke zwischen Dokki und der Nilinsel Gezira kam es so zu heftigen Auseinandersetzungen. Demonstranten, die auf dem Weg ins Stadtzentrum waren und von der Polizei aufgehalten wurden, begannen Steine zu werfen. Polizeifahrzeuge fingen Feuer; auch kleinere Polizeiwachen wurden angegriffen. Ăberall gab es regimefeindliche Graffitis (z. B. âVerschwinde Mubarakâ). In weiten Teilen der Stadt roch man das TrĂ€nengas. In der NĂ€he der KĂ€mpfe sah ich viele Verletzte. Einige Demonstranten schlugen Steine aus dem BĂŒrgersteig und trugen Bretter, TĂŒren und Stangen in Richtung der KĂ€mpfe. Viele Krankenwagen waren auf den StraĂen, kamen aber nur langsam voran. Die ausgebrannten Polizeifahrzeuge waren fĂŒr viele eine erfreuliche Attraktion. Am Abend sah ich an der Metrostation Mubarak die ersten Panzer. Das Ăgyptische Museum (am Tahrir-Platz) wurde an diesem Tag geplĂŒndert. Es kamen GerĂŒchte auf, dass es die eigenen SicherheitskrĂ€fte waren und dass Polizisten ĂŒberall SchĂ€den anrichten, um damit die Demonstranten zu beschuldigen. Man hörte auch mehrfach SchĂŒsse in der Stadt. Am Abend waren fast keine Fahrzeuge mehr unterwegs, was in Kairo normalerweise nicht vorkommt.
Am Samstag, den 29. Januar, funktionierten die Mobiltelefone wieder, doch das Internet blieb weiterhin blockiert. In Dokki sah ich DemonstrantenzĂŒge, die wĂŒtend SĂ€rge von offenbar getöteten Regimegegnern, mitfĂŒhrten. Man sah keine Polizisten mehr auf den StraĂen. Wahrscheinlich fĂŒrchteten sich die SicherheitskrĂ€fte mittlerweile vor der Bevölkerung. Zwischen Dokki und Sadat sah ich Zivilisten, die den StraĂenverkehr regelten. Inzwischen gingen Tausende ungehindert zum Tahrir-Platz. Die riesigen Werbeplakate von McDonalds und Coca Cola waren dort nicht mehr zu sehen. Das MilitĂ€r hatte die Kontrolle ĂŒbernommen. Am Tahrir-Platz und in der Umgebung waren viele Panzer zu sehen; vor allem vor Kirchen, Moscheen und vor dem Ăgyptischen Museum. Die Bevölkerung feierte das MilitĂ€r. Einige Menschen schenkten den Soldaten Blumen, GetrĂ€nke und andere Kleinigkeiten. Viele beschrieben die Panzer mit regimefeindlichen Graffitis, wobei die Soldaten dies auf Grund der Massen am Tahrir-Platz ĂŒberhaupt nicht wahrnahmen, es einfach duldeten oder nur vereinzelt darauf hinwiesen, dass dies unerwĂŒnscht sei. Einige Soldaten schĂŒttelten die HĂ€nde der Demonstranten, die auch gerne auf die Panzer hinaufstiegen, sofern sie durften. Es gab sogar Offiziere, die sich in den Menschenmengen feiern lieĂen. Allerdings wiesen einige Demonstranten darauf hin, dass das MilitĂ€r Mubarak spĂ€ter unterstĂŒtzen könnte. In der NĂ€he des Ăgyptischen Museums war ein GebĂ€ude von Mubaraks Partei komplett ausgebrannt. Offenbar wurde es schon in der letzten Nacht angezĂŒndet. AuĂerdem waren hunderte Polizeiautos ausgebrannt. Am Nachmittag schlossen in Dokki, fĂŒr offenbar unbestimmte Zeit, McDonalds und Pizza Hut. Die Mitarbeiter klebten teilweise die Werbung ab und bemalten die Fenster mit weiĂer Farbe, so dass man nicht hinein sehen konnte. Offenbar wurden Angriffe auf Einrichtungen aus dem Westen gefĂŒrchtet. Andere Ladenbesitzer verbarrikadierten ihre GeschĂ€fte mit MĂŒlltonnen, Leitern und Stangen. Die meisten GeschĂ€fte (auch im Zentrum) hatten an diesem Tag ohnehin erst gar nicht geöffnet. Fenster wurden mit Kartonpappe geschĂŒtzt. Einige Bankautomaten funktionierten nicht mehr. Weil es keine Polizei mehr gab, bewaffneten sich viele Zivilisten mit Stöcken, Rohren, Ketten, Messern, Macheten usw. Es gab GerĂŒchte ĂŒber PlĂŒnderungen, so dass viele kleine BĂŒrgerwehren entstanden, die gemeinsam Wache hielten. Es kam mir so vor, als haben an diesem Tag aber der Enthusiasmus und die Freude ĂŒber den Sieg gegen die Polizei ĂŒberwogen.
Am Sonntag, den 30. Januar gab es ab 16 Uhr eine Ausgangssperre. Bereits am frĂŒhen Morgen gab es MasseneinkĂ€ufe in den noch offenen SupermĂ€rkten. Einige Lebensmittel wie Brot und Jogurt waren schnell ausverkauft. Wasser und Zigaretten wurden in manchen LĂ€den knapp. Es gingen immer weniger BĂŒrger auf die StraĂe, allerdings gab es noch Demonstrationen auf den zentralen PlĂ€tzen. Das MilitĂ€r versuchte StĂ€rke zu demonstrieren, indem es Hubschrauber und tieffliegende Kampfflugzeuge ĂŒber die Stadt fliegen lieĂ. Die Botschaften im Stadtteil Zamalek (Nilinsel Gezira) haben offenbar ihre Sicherheitsvorkehrungen verstĂ€rkt. Es gab Meldungen von GefĂ€ngnisausbrĂŒchen, wobei viele sagten, dass die HĂ€ftlinge absichtlich freigelassen wurden. Manchmal waren SchĂŒsse zu hören und die Stimmung war, meinem Empfinden nach, angespannter als am Vortag.
Am Montag, den 31. Januar, wurde die Ausgangssperre auf 14:00 bis 8:00 Uhr ausgedehnt. Am Morgen gab es lange Warteschlangen in den SupermĂ€rkten. Die meisten GeschĂ€fte blieben wie in den Tagen zuvor geschlossen. Die Metro hielt immer noch nicht an der Station Sadat, so dass die vielen Demonstranten zu FuĂ zum Tahrir-Platz unterwegs waren. An diesem Tag war die Polizei wieder zurĂŒck auf den StraĂen, allerdings unternahm sie nichts mehr gegen die Proteste. Sie schĂŒtzte nur noch GebĂ€ude (wie Banken) und regelte den Verkehr. Das MilitĂ€r regelte seit diesem Tag die ZugĂ€nge zum Tahrir-Platz und schĂŒtzte immer noch das Ăgyptische Museum. Inzwischen versuchten einige Soldaten, die Graffiti von den Panzern zu entfernen. Nach der Ausgangssperre fuhr die Metro ĂŒberhaupt nicht mehr. Die muslimischen Demonstranten beteten gemeinsam auf den groĂen PlĂ€tzen. In der Ferne war Rauch zu sehen â spĂ€ter wurde mir gesagt, dass in einem anderen Stadtteil ein GebĂ€ude abgebrannt sei. Die Bevölkerung begann damit, die StraĂen aufzurĂ€umen. Ich wurde an diesem Tag vom DAAD (gy Akademischer Austauschdienst) angerufen und gefragt, ob ich Interesse an einem Flug nach Deutschland hĂ€tte. Die Ă€gyptische Opposition wollte am nĂ€chsten Tag Demonstrationen mit mehreren Millionen Menschen organisieren. AuĂerdem solle es spĂ€testens bis zum nĂ€chsten Freitagsgebet einen Regimewechsel geben. Auch vor der US-Botschaft solle morgen gegen die US-UnterstĂŒtzung von Mubarak demonstriert werden. In den Fernsehnachrichten war zu hören, dass die Botschaft kĂŒnftig von US-Marines geschĂŒtzt werden sollte. Nach der Ausgangssperre verbarrikadierten viele Bewohner ihre StraĂen mit groĂen Steinen, ZaunstĂŒcken und groĂen Tonnen. Sie hielten wie ĂŒblich mit einfachen, teilweise selbst gebauten Waffen, Wache gegen PlĂŒnderer. Beeindruckend war, dass fortan Autos des MilitĂ€rs von Zivilisten kontrolliert wurden â und nicht mehr umgekehrt.
Wie geplant demonstrierten am Dienstag, den 1. Februar, mehrere Millionen Menschen gegen das Ă€gyptische Regime. Inzwischen funktionierte kein Bankautomat mehr. In den SupermĂ€rkten gab es wie immer lange Warteschlangen. Die Ausgangssperre begann ab 15 Uhr â danach fuhr die Metro nicht mehr. In der Nacht war die angekĂŒndigte Fernsehansprache Mubaraks, in der er mitteilte, dass er nicht mehr an der Wahl im September teilnehmen wolle. Darauf reagierten die meisten BĂŒrger mit Ablehnung.
Am Mittwoch, den 2. Februar, war die Internet-Blockade zu Ende. Auch viele Bankautomaten funktionierten wieder. Auf den StraĂen waren mehr Polizisten als am Vortag. Am Tahrir-Platz verharrten immer noch die Demonstranten aus, die dort teilweise Zelte aufgebaut hatten. Freiwillige durchsuchten die Demonstranten an den ZugĂ€ngen nach Waffen und Bomben. Einige verkauften auf dem Platz Tee und SĂŒĂigkeiten. Andere sammelten einfach nur Spenden (z. B. fĂŒr das MilitĂ€r), doch es war nicht immer deutlich fĂŒr wen. Mittags gab es dann ZĂŒge von Pro-Mubarak-Demonstrationen, die auf den Tahrir-Platz zugingen. SpĂ€ter eskalierte diese Situation â es gab bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde. In Dokki sprachen mich einige Ladenbesitzer darauf an, dass Mubarak gut sei. Ăber die Nachrichten erfuhr ich, dass es bei den Auseinandersetzungen Tote und hunderte Verletzte gab. Der DAAD fragte erneut, ob ich das Land verlassen wolle. Abends fiel in meiner Wohnung fĂŒr einige Zeit der Strom aus, wobei ich ĂŒberlegte, ob es eine politische Aktion oder das marode Stromnetz war. Am Tahrir-Platz sollen die ganze Nacht Steine und Molotowcocktails geworfen worden sein.
Die KĂ€mpfe am Tahrir-Platz gingen bis Donnerstag, den 3. Februar, weiter. An diesem Tag war die Ausgangssperre auf die Zeit zwischen 17:00 und 7:00 Uhr festgelegt. Insgesamt hatten wieder mehr LĂ€den geöffnet. Schon am Morgen hörte ich in Dokki, wie einzelne Parolen geschrien wurden. Auf einigen Fahrzeugen (Motorroller und Eselkarren) sah ich BlĂ€tter mit der Aufschrift âNaâam Mubarak!â (âJa Mubarak!). In der benachbarten WĂ€scherei war ein Portrait von Mubarak zu sehen und der DAAD fragte mich wieder nach meinem Befinden. Auch an diesem Tag gab es KĂ€mpfe und zahlreiche Verletzte. Zum morgigen Freitagsgebet sind GroĂdemonstrationen geplant und heftige Auseinandersetzungen zu erwarten.
Drei befreundete Kommilitonen riefen mich am frĂŒhen Freitagmorgen, den 4. Februar, an. Nachdem sie vom Ă€gyptischen MilitĂ€r von ihrer Wohnung zu einem anderen Ort gebracht und verhört worden waren, flohen sie nun in einem Konvoi der Deutschen Botschaft zum Flughafen, um zurĂŒck nach Deutschland zu fliegen. Offenbar fragte sie am Vorabend Jemand aus ihrer Nachbarschaft nach den Protesten und gab die Informationen dann an die SicherheitskrĂ€fte weiter. In Dokki waren an diesem Tag die StraĂen weitgehend leer. Die Bankautomaten funktionierten jedoch und viele LĂ€den hatten bis zum frĂŒhen Nachmittag geöffnet. Eine Person kontrollierte an einer StraĂensperre meinen Reisepass und meine Taschen â ich weiĂ jedoch nicht, ob es ein Polizist oder ein Zivilist der BĂŒrgerwehr war. Beim benachbarten Friseur gab es Unterhaltungen ĂŒber die âRevolutionâ und die Freitagspredigt des iranischen Staatsoberhaupts, der sich positiv zu den Ereignissen in Ăgypten geĂ€uĂert hatte. Von einigen GĂ€sten wurde das iranische Staatmodel und die Ă€gyptische Muslimbruderschaft abgelehnt â andere Ă€uĂerten sich weniger kritisch. Ich erfuhr, dass sich am Tahrir-Platz Zehntausende zum gemeinsamen Gebet und zum Protest gegen das Regime trafen. Auch der neue Premierminister soll dort gewesen sein, um mit den Demonstranten zu sprechen. An diesem Tag lief das Ultimatum ab, dass die Opposition Mubarak gestellt hatte. Im Fernsehen war jedoch zu hören, dass es GesprĂ€che zwischen der Regierung und der Opposition gibt.