Die StraĂenkinder von Tres Soles â Bolivien
26. Mai 2008 | Von bruni | Kategorie: Buch und Film, Jugend, Politik
“Wir gingen an den Schienen entlang, die zur argentinischen Grenze fĂŒhren. Am Stadtrand blieben wir vor ein paar windschiefen Zelten aus Plastikfetzen und Lumpen stehen.
‘Muss das wirklich sein?’, fragte ich zögernd.
‘Ja, der yatiri ist der einzige, der uns sagen kann, wer der TĂ€ter war’, sagte Guillermo mit fester Stimme. Vor ein paar Tagen hatten wir Marcial und Elsa, das Ehepaar, das seit der GrĂŒndung der Wohngemeinschaft mit uns gearbeitet hatte, entlassen mĂŒssen, weil sie Rechnungen gefĂ€lscht hatten. Und gestern, als niemand zuhause war, hatte jemand in die Wohngemeinschaft eingebrochen und alles ausgerĂ€umt.
‘Der yatiri ist ein Zauberer, der sich nie irrt. Die Geister sprechen zu ihm durch die KokablĂ€tter und er kann die Zukunft voraussagen.’
Guillermo wischte sich den SchweiĂ von seinem runden Gesicht. Er befasste sich gern mit Geistern und konnte stundenlang in geheimnisvollen, dicken BĂŒchern lesen. Mit einem mulmigen GefĂŒhl in der Magengrube kroch ich zusammen mit Guillermo und Hugo in eines der Zelte.
Stefan Gurtner, Die Strassenkinder von Tres Soles
ISBN 978-3-936049-79-4, Verlag Edition AV, Pb., 18 Euro, 288 S. inkl. DVD, Film ĂŒber Tres SolesZum Autor
Stefan Gurtner, geboren 1962 in Bern. Gurtner arbeitete als wohl Ausstatter, arbeitete als Schiffsjunge, Gartenbauer und Hotelangestellter. Mitarbeit bei Amnesty International. Er reiste durch Lateinamerika und Europa. Seit 1987 lebt Gurtner in Bolivien.Er ist MitbegrĂŒnder der Kinder und Jugendwohngemeinschaft “Tres Soles” (“Drei Sonnen”). und der Theatergruppe “Ojo Morado” (“Blaues Auge”). Tres Soles verfolgt den Zweck, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche aufzunehmen, sie mittels alternativer BildungsaktivitĂ€ten von ihren Problemen abzubringen und ihnen eine Berufsausbildung zu ermöglichen.
‘Du sagst kein Wort’, zischte mir Guillermo noch ins Ohr. Zuerst sahen wir nur einen kleinen glĂŒhenden Punkt und erst als sich unsere Augen an die blĂ€uliche Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen wir einen alten krummen Mann, der eine noch krummere selbst gedrehte Zigarette rauchte. Er trug die Tracht der Hochlandindianer: Sandalen, Leinenhosen, eine Jacke mit vielen farbigen geheimnisvollen Mustern und eine bunte ZipfelmĂŒtze mit Ohrenklappen. Sein Gesicht war zerfurcht wie die KartoffelĂ€cker des Hochlandes und an seinem Kinn sprossen weisse Bartstoppeln wie abgeschnittenes Stroh. Als wir uns vor ihm nieder setzten, wandte er uns den Kopf zu, aber sein Blick ging durch uns hindurch in weite, endlose Fernen und Zeiten, in denen Viracocha, der groĂe Schöpfergott der alten Inka, und Pachamama, die Mutter Erde, noch die Welt der Quechua- und Aymaraindianer regierten. Gemurmel war zu hören. Doch es schien von drauĂen zu kommen. Aber wenn man genauer hinschaute, sah man, wie der yatiri kaum merkbar den zahnlosen Mund bewegte. Er hob ein Kruzifix in die Höhe und die Worte wurden lauter. Es war ein eigenartiges Gebet, das Pachamama, christlicher Gott, Viracocha, Jesus, Sonnengott Inti und Jungfrau Maria miteinander vermischte.
‘Leg ein paar ‘pesos’ auf die Decke vor ihm’, flĂŒsterte Guillermo heiser vor Aufregung.
‘Leg du welche hin, ich habe keine’, erwiderte Hugo.
‘Aber ich habe dir doch gesagt, dass du Geld mitnehmen sollst!’
Der yatiri hatte sein Gebet unterbrochen und schaute uns vorwurfsvoll an.
‘Ist ja gut’, brummte Guillermo, kramte ein paar MĂŒnzen aus seiner Hosentasche und legte sie vor den yatiri auf eine bunte Decke. Das ganze Zelt war mit diesen Decken, die aguayos genannt werden, ausgelegt. Der yatiri fuhr mit seinem Gebet fort, dann spritzte er Aklohol aus einer BlechbĂŒchse, nahm ein paar KokablĂ€tter aus einer PlastiktĂŒte und streute sie mit bedĂ€chtigen Bewegungen neben die MĂŒnzen auf den Boden. Er betrachtete sie eine Weile, ordnete sie nach heller oder dunkler Farbe und nach ihren Formen. Einige waren rund, andere spitze und wiederum andere hatten kleine Löcher oder ausgefranste RĂ€nder.
‘Wie heiĂt du?’, fragte er Guillermo, ohne den Blick von den BlĂ€ttern zu heben. Guillermo nannte ihm seinen Namen. Ich sah, dass der SchweiĂ in Strömen ĂŒber sein Gesicht floss.
‘Wo wohnst du?’
Auch diese Frage beantwortete Guillermo. Der yatiri schob die BlĂ€tter wieder zusammen, hob sie auf und lieĂ sie erneut zu Boden fallen. Diesmal ordnete er sie kaum noch, er rĂŒckte nur einige mit den Fingerspitzen zurecht.
‘Lass mich versuchen zu erklĂ€ren, was geschehen ist’, sagte er dann mit seiner eigentĂŒmlichen, knarrenden Stimme. Er sprach nur zu Guillermo, der ihm die MĂŒnzen gegeben hatte.
‘In dein Haus ist eingebrochen worden.’ Niemand hatte vorher auch nur eine Andeutung gemacht – er wusste es einfach. Ich beobachtete ihn atemlos. Aus seinen dunklen Augen schimmerte es eigentĂŒmlich, so wie es aus einer Lagune zwischen den schwarzen Felsen des Andengebirges schimmert. Diese Lagunen sind die Augen der Erdgöttin Pachamama, die alles sehen.
‘Ja, genau’, sagte Guillermo so aufgeregt das er stammelte. Der yatiri nickte zufrieden und wiederholte die Prozedur mit den BlĂ€ttern noch einmal. LĂ€ngere Zeit betrachtete er sie, murmelte vor sich hin, schob sie von einer Seite auf die andere, strich sich mit seiner hellen, rosaroten Zunge ĂŒber die fast schwarzen, ledernen Lippen.
‘Es war ein ehemaliger Angestellter’, sagte er dann kurz und bĂŒndig, richtete den Blick wieder auf und blickte durch uns hindurch in dieselbe unsĂ€gliche Ferne wie zu Beginn.
‘Er wird euch jetzt in Ruhe lassen’, fĂŒgte er hinzu.
‘Wirst du jetzt Marcial bei der Polizei anzeigen?’, fragte mich Hugo mit einer unumstöĂlichen Sicherheit.
‘Die Aussage eines yatiris stellt fĂŒr die Polizei keinen Beweis dar’, erwiderte ich. Mein Kopf schmerzte. ‘Stefan glaubt dem yatiri nicht’, murmelte Guillermo enttĂ€uscht.
‘In meinem Dorf fragt man die Toten, wenn man die Wahrheit wissen will’, sagte Hugo.
‘Wir können um Mitternacht auf den Friedhof gehen. Willst du?”
Seit 20 Jahren besteht in Bolivien die vom Autoren gegrĂŒndete Wohngemeinschaft “Tres Soles” fĂŒr benachteiligte Kinder und Jugendliche. Sein spannend zu lesendes Buch erzĂ€hlt von den Schicksalen der Kinder und Jugendlichen. In einem Land, wo nach jahrhundertelanger UnterdrĂŒckung durch die spanischen Kolonialherren und langjĂ€hrigen MilitĂ€rdiktaturen noch immer Ă€uĂerst autoritĂ€re Gesellschaftsstrukturen herrschen, sowohl in den Familien in den Schulen als auch in den Firmen, gehen die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen neue, alternative erzieherische Wege. Im Ergebnis entsteht eine faszinierende, manchmal auch heikle Mischung aus indianischer Gemeinschafts- und Selbstverwaltung, sowie westlichen Erziehungsmethoden. Mit Spiel, Theater und Arbeit wird versucht den Kindern und Jugendlichen ein neues Bewusstsein und selbstĂ€ndiges Denken zu ermöglichen. Das Erlernen gewaltfreier Konfliktlösung ist fĂŒr die Gemeinschaft der Kinder und Jugendlichen von “Tres Soles” eine stĂ€ndige Herausforderung.
Die Kinder von Tres Soles können Sie unterstĂŒtzen: http://www.tres-soles.de
