Wetzlar, 03.09.2004Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen
Neulich sah man anlässlich eines Zeitungsartikels zu einer Montagsdemonstration einen jungen Mann auf einem Foto, der trug ein T-Shirt mit der Aufschrift (altdeutsch) "Opa war in Ordnung" oder so ähnlich. Seinem Alter nach meinte er vermutlich seinen Urgroßvater – aber das tut nichts zur Sache. Seinen persönlichen Ur-Altvorderen wird er auch nicht gemeint haben, aber das entzieht sich unserer Kenntnis und ist auch unerheblich. Klar war die Botschaft:
Er meint die NS-Vergangenheit und die belastete Generation. Er meint nicht diejenigen, die im Widerstand gegen das NS-Regime standen (wofür die Verwendung der altdeutschen Schreibweise ein Indiz ist). Die Ausstellung "Legalisierter Raub" vom 1.9. bis 13.10.2004 im Hessenkolleg Wetzlar hilft verstehen, was dieser Mensch "in Ordnung" findet. "Opa" steht für Räuber ... "Amalie und Adolf Reinhardt lebten mit ihren Kindern in dem südhessischen Dorf Dudenhofen. Die Reinhardts besaßen ein Haus in der Hauptstrasse und betrieben Handel mit Landesprodukten. Adolf und Amalie Reinhardt nahmen engagiert am öffentlichen Leben des Dorfes teil. Als Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse aus dem Ersten Weltkrieg war Adolf Reinhardt Vorsitzender des Veteranenvereins. Als Sozialdemokrat leitete er den Arbeitersamariter-Bund, war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Dudenhofens und des Radfahrerclubs. Bis 1933 schienen sie im gesellschaftlichen Leben Dudenhofens vollständig integriert zu sein. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten mehrten sich jedoch die Feindseligkeiten ihnen gegenüber, bis es während der »Reichskristallnacht« zu einem gewaltsamen Überfall auf die Familie kam. Dorfbewohner, zum Teil die Nachbarn, drangen in das Haus ein, zerstörten das Mobiliar und trieben Adolf und Amalie Reinhardt unter Schlägen aus dem Dorf. Die nächsten Jahre lebten sie in Frankfurt und wurden von dort 1941 nach Lodz deportiert. Das Haus in Dudenhofen mussten die Eheleute 1939 unter Zwang verkaufen. Die Rückerstattung gelang nicht, weil sich die einzige überlebende Tochter in Ost-Berlin aufhielt und den psychischen Folgen des Rückerstattungsverfahrens nicht gewachsen war. Vom Besitz der Familie sind lediglich ein Pfeifenkopf und einige Fotos für die Nachkommen erhalten geblieben. Das Haus wurde einige Tage vor dem ersten Besuch Irene Reinhardts in Dudenhofen Ende der neunziger Jahre abgerissen. Auch eine Art Vergangenheitsbewältigung." Quellen: Dokumente aus dem Besitz von Irene Bitter und ihrer Tochter Dr. Zoya Fiedler JS- und Devisenakten, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden . Dudenhofen – 60 Jahre judenfrei. Ein Film von Yves Jeuland. Arte/La Sept 1998. Nach dem Krieg zeigte die Tochter der Eheleute, Irene Bitter die nach den Angaben ihrer Mutter an dem Raub beteiligten Dörfler an (1947): Der Bürgermeister Lehr war Rädelsführer des NS-Mob, daneben beteiligte sich der Dorflehrer Wolf, nebst Nachbarn auch die Personen Heinrich Wolf, Heinrich Jäger (Kartoffelhändler), Ludwig Resch (Kaufmann, Wilhelmstrasse), Adolf Konrad (Ludwigstrasse, hernach Wilhelmstrasse), Ludwig Kratz (Bauernführer), Heinrich Walter (Bahnarbeiter), Adolf Kratz (Hauptstrasse), Marie Liller (Rheinstrasse) und Else Seum, geb. Balder. Als willfährige Behörde des NS-Staates diente die Reichsfinanzverwaltung. Keine Besonderheit unter den Beamten spiegelt die Biografie des Oberfinanzpräsidenten Dr. Hans Werth, in diese Funktion berufen 1936. Das Gründungsmitglied der DVP gehörte ab 1925 den Anhängern des Alldeutschen Verbandes an, die bereits seit 1923 die Enteignung der Juden und deren Einweisung in Konzentrationslager forderten. NS-Gegner, die sein Missfallen erregten, denunzierte er als "getarnte Juden", so beispielsweise den Regierungsrat Nikolaus, Finanzamt Friedberg. Er selbst bemühte sich um persönliche Bereicherung aus jüdischem Besitz, nachdem seine Dienstwohnung bei einem Bombenabgriff auf Darmstadt zerstört worden war. "Opa" steht für Mörder Um die Ecke von Butzbach liegt das Dorf Espa (heute gehört es zu Langgöns). Hier lebte bis 1942 die Familie Grünebaum. Denunziationen und vereinzelte Schikanen im Dorf blieben zunächst die Ausnahme. Der Bürgermeister galt als "Judenfreund". Der Nachbar der Familie Grünebaum, Jakob Schäfer plakatierte als eine der dörflichen Ausnahmen demonstrativ sein Hoftor mit dem NS-Kampfblatt "Stürmer". Ein Steinwurf im November 38 (Terrornacht gegen Juden in Deutschland) konnte als Tat einiger NS-Aktivisten aus dem Nachbardorf Weiperfelden identifiziert werden. Vermögen besaß die Familie nicht. Die vom NS-Staat verfügte "Judensteuer" zur legalisierten Ausplünderung derselben, musste die Familie aufgrund ihrer Besitzverhältnisse nicht entrichten. 1940 verstarb Baruch Grünebaum und wurde in Espa beerdigt. 1942 wurde die Familie bis auf die Greisin Regine Grünebaum deportiert. Vermutlich wenige Tage nach Ihrer Deportation in die KZ Majdanek und Sobibor wurden Johanna, Rosa, Berta, Reinhild und Hugo Grünebaum in den Gaskammern ermordet. Die "freundlichen" Nachbarn, vermutlich im Bewusstsein, die Familie werde niemals zurück kehren, plünderten das Haus. Das Finanzamt Wetzlar versiegelte das Haus. Der restliche Hausrat wurde einige Wochen später an die Dorfbewohner bei reger Beteiligung versteigert, aber einige der Dörfler, darunter der bereits erwähnte Nachbar Schäfer, bedienten sich stehlenderweise am Hausrat. Regine Grünebaum wurde im September 42 ebenfalls verschleppt, nach Theresienstadt. Eine andere Nachbarsfamilie, die Familie Rühl versorgte die bis dahin vollkommen ausgeplünderte und mittellose Greisin heimlich mit dem Notwendigsten. "Der alte Gott lebt noch. Das rächt sich!" rief Regine Vorübergehenden bis auch sie deportiert wurde ...
Die hessische Dimension NS-staatlichen Raubens und Mordens Mit dem Machtantritt der Nazis 1933 wurden alle Finanzbeamten in Deutschland auf den NS – "Geist" eingeschworen. Auch ansehnliche Teile der hessischen Beamtenschaft waren bereits NS-Anhänger. Diejenigen, die noch nicht dazu zählten, wurden vom Reichsfinanzministerium aufgefordert, der NSDAP bei zu treten. Zwar wurde niemand, der nicht beitrat entlassen, aber Karierrenachteile konnten die Folge sein. Der verbreitete Antisemitismus unter den Beamten (auch Nicht-NSDAP Mitgliedern), sah in Menschen jüdischen Glaubens automatisch "Steuerbetrüger" und "Devisenschieber". Sanktionen und Raub jüdischen Eigentums galt ihnen als selbstverständlich, denn "jüdisches Vermögen" sah man als "Deutschen geraubtes" an. Zunächst inszenierte "wilde" Plünderungs- und Gewaltorgien, wie sie sich letztmalig im Reichspogrom 1938 manifestierten, für die aber auch Verbrechen wie in Dudenhofen stehen, gingen Hand in Hand mit der fiskalischen Ausplünderung von Staatswegen. 1933 wurde die Brüningsche "Reichsfluchtsteuer" zur Sondersteuer gegen jüdische Auswanderer. Die "wilden" Terroraktionen und vielfältige perfide Erlasse und "Gesetze", hatten etwa die Hälfte der 70.000 hessischen Juden vertrieben. Systematisch wurde die wirtschaftliche Grundlage der jüdischen Bevölkerung zerstört. Wesentlicher Bestandteil zur Ausplünderung der Juden wurde die "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden". Es konkurrierten um das Raubgut die GESTAPO, Finanzbeamte, Hausverwalter, die HTO (Haupttreuhandstelle Ost, Göring), die NS-Frauenschaft, die NS-Wohlfahrt und andere. Erfassung des Vermögens mündete meist gleich in Raub. Persönliche Bereicherung von GESTAPO-MitarbeiterInnen, Finanzbeamten und anderen, war nicht die Ausnahme, eher die Regel. An den Versteigerungen jüdischen Eigentums beteiligte sich die deutsche Bevölkerung ganz unchristlich und massenhaft. Niemand schien sich darüber Gedanken zu machen, dass an diesen Gütern das Blut von Menschen klebte. (Alle Informationen Entnommen dem Ausstellungskatalog). "Die Ausstellung zeigt, und lassen sie mich einzig diesen Aspekt ansprechen, in bedrückender Weise auch Kontinuitäten in Exekutive und Jurisdiktion: Der Erstattungsanspruch, der 1953 just von jenem Beamten abgelehnt wird, der ein Dutzend Jahre zuvor für die Enteignung zuständig war, das in bundesdeutscher Zeit gesprochene Gerichtsurteil, das formal(juristisch), das Wort bleibt einem fast im Halse stecken, die fehlende Berechtigung von Entschädigungsforderungen feststellt, weil doch alles aufgrund geltender Gesetze geschehen sei, allein diese Beispiele zeigen, dass nicht nur Normen, sondern auch Köpfe, wer hätte es denn anders gedacht, ihren Anteil an diesen Vorgängen hatten. Und dennoch: Die rückwärts gewandte Betrachtung alleine(!) vermittelt nicht die Lehre, welche wohlarchiviert in einer Schublade unseres Gewissens aufbewahrt werden kann. Es ist die Aufforderung zur Wehrhaftigkeit gegenüber den Anfängen, die es auch heute angezeigt erscheinen lässt, gegen Diskriminierungen, seien es rechtlicher, wirtschaftlicher oder ethnischer Art, entschieden entgegen zu treten.", (aus dem Grußwort zur Ausstellungseröffnung, H. Bohm, Sparkassen Kulturstiftung, Hessen Thüringen). Weitere Informationen zum Thema nach Stichworten (auf den Link klicken): Arisierung: So kam Jüdischer Besitz in deutsche Hände – der Begriff bezeichnet den deutschen Raub an Juden in Deutschland und den von den Nazis "angeschlossenen" oder gewaltsam besetzten Gebieten Judenvermögensabgabe: (JUVA) Gesetz der Nazis zur staatlichen Legalisierung der Plünderung der Juden und ihrer vollständigen Verdrängung aus dem wirtschaftlichen Leben Rede von Karl Starzacher anlässlich der Austellungseröffnung, Arisierungsakten gefunden, Wetzlar 2004 Der Austellungskatalog: ![]() Zu beziehen über versand@fritz-bauer-institut.de oder bei der Ausstellung, Preis: 5 Euro Projektleitung: Dr. Bettina Leder-Hindemith (Hessischer Rundfunk) Prof. Dr. Micha Brumlik (Fritz Bauer Institut) Die Ausstellung wurde erarbeitet von: Dr. Susanne Meinl (Fritz Bauer Institut) • Dr. Bettina Hindemith (Hessischer Rundfunk) Katharina Stengel M. A. (Fritz Bauer Institut) • Stephan Wirtz M. A. (Fritz Bauer Institut) Pädagogische Mitarbeit: Deborah Krieg Grafische Gestaltung: Waldemar Bertsch (Hessischer Rundfunk) • Bernd Claas (Hessischer Rundfunk) Informationen zur Ausstellung: Fritz Bauer Institut, Dr. Susanne Meinl Tel.: 069-798322-40, Fax: -41, s.meinl@fritz-bauer-institut.de und Dr. Bettina Leder-Hindemith Hessischer Rundfunk Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Ausstellungen - 60222 Frankfurt am Main Tel.: 069 / 1554038 Handy: 0173 / 6557351 Blederhindemith@hr-online.de Zur Eröffnung der Ausstellung sprachen: Christel Streubel-Piepkorn, (Leiterin des Hessenkollegs Wetzlar), Wolfram Dette, (Oberbürgermeister Wetzlar), Dr. Karl Ihmels, (Landrat des Lahn-Dill Kreises), Dr. Thomas Wurzel, (Geschäftsführer der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen), Karl Starzacher, (Hess. Minister der Finanzen a.D.), und Marion Vasil las aus Dokumenten und Texten. Wir wünschen der Ausstellung viele Besucher! 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