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Zollhaus, 13.12.2003 Patriotisch oder so ...
Das Aartal, besonders die Ortschaften Diez, Flacht und Niederneisen werden immer wieder genannt, wenn das Gespräch auf teilweise gewalttätige, gefährliche Umtriebe von Neonazis und Skinheads kommt. Mehr als 200 überwiegend Jugendliche aus der Region, aber auch Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Vertreter der Kirche, trafen sich im Kulturhaus Kreml. Was tun gegen den braunen Spuk?
Wir lesen die Berichte . und denken uns nichts dabei ... 27.10.03, FNP, „Schlägerei auf der Kirmes Freiendiez. Ein Anlass ist der Polizei angeblich nicht bekannt. 13.10.03, FNP, „Die Kneipennacht war gar nicht friedlich. Keine Zivilciourage in der Limburger Altstadt. 29.9.03, FNP, „Bei Schlägerei verletzt. Am frühen Morgen kam es gegen 3 Uhr 30 anlässlich der Kirmes in Niederneisen zu einer Schlägerei ...“. 24.9.03, FNP, Waldbrunn-Lahr. Schlägerei auf der Lahrer Kirmes. 1.9.03, FNP, Drei Verletzte bei Schlägerei in Montabaur. Wir sind weit davon entfernt, jede Rauferei unter den Titel Rechtsextremismus stellen zu wollen. Tatsache ist jedoch nach Berichten der Jugendlichen während der Veranstaltung im Kreml, dass eine Reihe von Schlägereien während der sommerlichen Kirmesfeste rechtsradikale Motive hatten. So waren nach Aussagen von Jugendlichen zumindest die Schlägereien in Niederneisen und Waldbrunn-Lahr ursächlich von teilweise bekannten jugendlichen Neonazis ausgelöst worden. Ganz unverständlich, dass der Polizei hierzu „keine Erkenntnisse“ vorliegen mögen. Der Jugendtreff Hahnstätten wurde überfallen. Auch aus den hessischen Gemeinden Dehrn und Runkel werden solche Vorfälle berichtet. So wurde ein Jugendlicher in Dehrn, aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe für einen Ausländer gehalten und verprügelt. Merke: Diese Leute haben nicht mal begriffen, dass es auch dunkelhäutige Deutsche gibt ... Einher gehen Gewaltandrohungen und Überfälle auf einzelne Jugendliche, wie sie ebenfalls, sowohl aus den Aartal-Orten, wie auch aus den benachbarten hessischen Lahntal-Orten berichtet werden. Während sich im Kreis Limburg-Weilburg erstmals und seither unwiederholt, im Zuge einer NPD-Kundgebung in Limburg (Wahlkampf) massiver Protest gegen die Neonazis Luft machte (mehr als 500, zumeist Jugendliche, demonstrierten lautstark und behinderten so die Kundgebung), blicken die Aartaler bereits auf eine längere Tradition der Aufklärungsarbeit gegen Neonazis zurück. Die geht leider, so mehrfach in Redebeiträgen geäußert, scheinbar an den zuständigen Politikern und Behörden ungehört vorbei. Soweit wir erkennen konnten, war der einzige anwesende Politiker der Moderator der Veranstaltung, Felix Schmitt, B90/Grüne. Mehrere Jahre in Folge veranstalteten das Jugendwerk und das Kulturhaus Kreml das Festival Wake Up, das sich dem Ziel No Nazis verschrieben hat. Für 2004 begannen bereits die Vorbereitungen für das Festival. Gegen ein rechtes Netzwerk, abgebildet im Internet, gibt es verschiedene Initiativen. So veranstaltet der Jugendtreff Hahnstätten mit dem Midnight Ball ein Sportmeeting, bei dem Jugendliche, Rechts wie Links, zusammen gebracht werden. In 2003 beteiligten sich Jugendliche an einer Fahrt nach Polen mit Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz und aktuell besucht der Aussteiger aus der Neonazi-Szene, Matthias Adrian, Schulen und Veranstaltungen im Kreis. In seinen Vorträgen warnt Adrian: „Rechtsextreme sind potentielle Mörder, denn diese Ideologie rechtfertigt alles, bis hin zum Massenmord. Die Neonazi-Kader sind Feinde der Demokratie. Erst greifen sie Ausländer, Punks, Behinderte an, aber sobald sie es können, zerstören sie die Demokratie. Dass sie die Demokratie abschaffen wollen, steht schon im NPD – Programm. Das kann jeder nachlesen. Die NSDAP zerstörte nach der Machtergreifung als erstes die Sozialdemokratische Partei, dann nacheinander alle anderen Parteien“. Die Cutterin Moni Munck-Hoch und der Journalist Thomas Lawetzky, Beide bieten einen Video Workshop im Kulturhaus an, produzierten mit Jugendlichen den Film „Patriotisch oder so ...“, in dem das Engagement Jugendlicher in der Region gegen Rechtsextremismus dokumentiert wird. Der Film ist unbedingt sehenswert. Wir empfehlen, diesen Film in Schulen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu zeigen. Der Film ist geeignet, besonders auch meist wenig informierten Eltern, Lehrern, Politikern, Polizisten und anderen Erwachsenen, die mit Jugendlichen leben, die Augen zu öffnen und dafür zu sensibilisieren, dass sich hier in unserem Kreis eine gefährliche Gemengelage zu bilden scheint (der Film ist erhältlich über das Kulturhaus Kreml, hier anklicken). An dem Film wirkten die Jugendlichen Heiko Friedrich, Gizmo, Hanna Puffer, Joey Kramer und Tobias Wüst mit. Der ganz normale Wahnsinn Teil 1: Wie werden Jugendliche zu Neonazis? Es ist ein Vorurteil, zu glauben, die meisten Neonazis seien „Ossis“, sowieso irgendwie minderbemittelt, kämen aus zerrüttetem Elternhaus und hätten mit unserer „behüteten“ Gesellschaft nichts zu tun. Adrian sieht seine Biografie als „prototypisch“ anfällig für rechtsextreme Ideologien. Behütete Großfamilie mit Großeltern, Vater selbständig, aufgewachsen in einem kleineren Ort in der Nähe von Mannheim, also Rheinländer. Seine schulischen Leistungen gut, die Welt stand ihm offen. Wirtschaftlich und sozial alles in Ordnung. Wirklich? Die Großeltern waren keine Altnazis. Aber, „die Juden haben unsern Herrn, Jesus ans Kreuz geschlagen“. Fragen von klein Matthias nach der Nazi-Zeit ließen diese als „nicht sehr schlimm erscheinen“. Nazis hat man eher abgelehnt. Die kamen aus der Stadt und waren gegen die Kirche. Auf die Frage, ob denn die SA im Ort auch Leute verprügelt habe, bekam Matthias zur Antwort, also „die SA, das waren so alte Herrn hier im Dorf. Die haben niemand was zu Leide getan ...“. Es herrschte ein Klima der Relativierung. Auf die Frage nach den Juden im Dorf, „deutscher Blick“ dass auch ja niemand zuhört, Antwort: „Juden gab es bei uns eigentlich gar nicht“. In anderen Familien ist es üblich, die Nazizeit mit Hinweis darauf zu relativieren, dass „Hitler auch gute Seiten hatte, schaffte die Arbeitslosigkeit ab, baute Autobahnen und da konnte man noch gefahrlos als Frau bei Nacht durch die Stadt gehen ...“. Natürlich hat man nichts „gegen Juden, aber die Verbrecher in Israel ....“. Ein Hohmann sieht gar die „Gottlosen“ am Werk, so in seinem Vortrag zur Beschönigung der NS-Zeit, der ihn nun das Amt gekostet hat, einer notwendigen Folge, die vor allem viele BürgerInnen nicht verstehen mögen. Aus all dem, so Adrian, wurde bei ihm nach und nach ein geschlossenes rechtsradikales Weltbild. Dazu trug auch bei, dass niemand etwas dabei zu finden schien, dass in der örtlichen Jagdvereinigung die „Deutsche Nationalzeitung“ auslag, und intellektuell zu diesem Weltbild beitrug. Christa Dahmen, Leiterin des Kindergartens in Lohrheim, betonte, niemand werde als Rassist geboren. Erst ein Klima, das an allem und jedem (Übel) „den Ausländern“ die Schuld gibt, lässt es kaum verwunderlich scheinen, dass die Kinder irgendwann „Ausländer raus!“ schreien. Der ganz normale Wahnsinn Teil 2: Die gesellschaftliche Mitte Wenn Politiker der CDU „nichts dabei“ finden, auf Konferenzen von Rechtsextremen aufzutreten und zu verkünden: “Diese jüngeren Leute werden sich, wie Jüngere das tun können, mit persönlichem, mit körperlichem Einsatz für die Durchsetzung der politischen Ziele einsetzen, und das ist gut, das ist hervorragend. Die Älteren können aber auch etwas tun. Man wird auch den hier Anwesenden aufgrund des Alters wohl kaum zumuten können, sich an Saalschlachten und Straßenkämpfen zu beteiligen. Aber was sie tun können, ist natürlich: Geld sammeln, Aktionen ermöglichen” (Prof. Hans-Helmuth Knütter, CDU, PANORAMA Nr. 614 vom 6.6.2002). Ja, Ja – Jugend ist radikaler ... Felix Schmitt (B90/Grüne) erinnerte an die Verantwortung der politischen Mitte, die mit Möllemann und Hohmann einen diffusen Antisemitismus zu pflegen scheine. Naziherrschaft: Totschläger, Mörder, Diebe und Betrüger ergriffen die Macht Keineswegs, so Christa Pullmann (Vorsitzende der christlich-jüdischen Gesellschaft) sind es die „Gottlosen“, denen die Schuld am Naziregime in die Schuhe geschoben werden könne. So gab es zahllose „Gottlose“, die den Verfolgten und Opfern geholfen haben, während „gute Christen“ der SS beitraten und durch furchtbarste Gewalttaten zu traurigem „Ruhm“ gelangten (Säuglinge ermordet, indem ihnen mit den unter Neonazis so beliebten Springerstiefeln der Kopf zertrümmert wurde). Die Würde des Menschen ist unantastbar, das gilt erst mal für jeden Menschen. Dieses Grundgesetz wird von Neonazis im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten und es wurde vom Naziregime millionenfach hingemordet. Nicht allein an den Juden wurden Massenmorde begangen. Den ersten Genozid beging das deutsche Heer und in deren Gefolge die SS an Polen. Die polnischen Hinterhöfe lagen voll mit Leichen. An einer solchen Ideologie ist nichts zu beschönigen und Christa Pullmann „... kann nicht verstehen, wie auch nur ein Mensch einer derartigen Ideologie anhängen kann“. Die Eroberung der Köpfe unserer Kinder: Rechtsrock ... Nach Adrian ist die Rechtsrock-Musikszene das einzige Medium, mit dem die Neonazis tatsächlich Masseneinfluss gewinnen. Nichts wirkt auf Jugendliche so anziehend, wie deren Musik. Oft entsteht der erste Berührungspunkt zum organisierten Rechtsextremismus über solche illegalen Musikevents. Fast immer werden diese Veranstaltungen und die Musik von der bürgerlichen Gesellschaft als Bagatelldelikt betrachtet. Die rechtsextremen Lyrics sind absolut mörderisch, gewaltverherrlichend, menschenverachtend. Nicht selten kommt es in deren Folge zu regelrechten Menschenhatzen auf Ausländer, Behinderte, Punks, also „irgendwie Andersartige“ in den betroffenen Städten. Neuerdings versuchen die Neo-Nazis einen Fuß in die Gothic- und Hipp-Hopp-Szene zu bekommen. Einige Rechtsrockgruppen üben bereits fleißig ... Die Rechtsrock – Szene gehört, ebenso wie der Straßenterror, zur Strategie des organisierten Rechtsextremismus (wozu auch die NPD zu zählen sei). “Es hat sich bei den harten Rechten rumgesprochen, dass es dem Umsturz nicht näher bringt, mit 5.000 Skinheads durch ne Altstadt zu randalieren. Da hat man nun die Strategie der Neuen Rechten mit intelligenteren Leuten entwickelt, die immer wieder Themen wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit ausprobiert und lanciert. Die gesellschaftliche Mitte, wie Hohmann, hat zum Beispiel aus solchen Schriften der Neuen Rechten zitiert“ (Adrian am 13.12. im Kulturhaus Kreml). Zur Strategie gehört auch, zunächst einmal die „Lufthoheit“ bei bestimmten Veranstaltungen, auf bestimmten Plätze und so weiter zu erzielen. Matthias Adrian berichtete darüber, dass sich die Nationalsozialistische Ideologie auf drei Säulen aufbaut. „Erst gilt es den Kampf um die Strassen, dann den Kampf um die Köpfe und Gedanken der Menschen und schließlich den Kampf um das Parlament zu führen und zu gewinnen.“ Terror und Schlägereien, wie auf Kirmes-Veranstaltungen, an bestimmten Plätzen sorgen erst mal für „befreite Zonen“, irgendwie „Undeutsche“ trauen sich da gar nicht mehr hin. „Es gibt gewisse Plätze, wo wir gar nicht mehr hingehen, weil wir dort nur Stress mit den Nazis bekommen“, sagte eine Veranstaltungsteilnehmerin. Innerhalb der NPD und anderen Organisationen der organisierten Rechten, so Adrian, sei es ausgemacht, dass man sich zu gegebener Zeit der „dumpfbackigen, versoffenen Glatzen“ entledigt, sobald man sie nicht mehr braucht. Nachdem innerhalb einer so bearbeiteten Ortschaft, Region, dass Klima nachhaltig nach Rechts verschoben sei, hätten die Glatzen „ausgedient“. Man begänne nun die lokale Mitte zu bearbeiten. Die Kader begännen, z.B. „Bürger“initiativen „gegen Asylantenheime“ zu gründen und so die Basis zu verbreitern. Dritte Stufe sei, einsickern in Parteien, sich selbst zur Wahl stellen und so Einzug in die Stadt- und Kreisparlamente. Unterdessen sei bekannt geworden, dass die rechtsextremen Organisationen sich eine komplette Infrastruktur in geeigneten „befreiten“ Zonen zusammen kauften (Häuser, Grundstücke und so weiter). Haben sie das erst mal erreicht, sitzen diese Leute in der Mitte der Gesellschaft: Auf der Strecke bleiben, als „notwendige Opfer“, verraten und verkauft, ein Haufen dummer Jungs und Mädel (meist aber Jungs), die „Stolz sind Deutsche zu sein“ und darüber zu Verbrechern wurden, im Gefängnis sitzen und ... sich nahezu jede bürgerliche Zukunft verbaut haben. Wir rufen dazu auf: Schützen Sie Ihre Kinder vor diesem Schicksal! Es ist nie zu Spät: Aussteigen ist möglich Der organisierte Rechtsextremismus schreckt vor nichts zurück, einmal eingefangene Jugendliche am Ausstieg zu hindern. Gewalt- und Morddrohungen sind üblich, Gewalttaten bis hin zu vereinzelten Fememorden vorgekommen. Deshalb ist in jedem Falle anzuraten, dass betroffene Familien sich professionelle Unterstützung holen. Wenden Sie sich an Exit Deutschland, eine Initiative des Magazins „Stern“ und andere Unternehmen! Suchen Sie das Gespräch mit ihren Abgeordneten, Lehrerinnen und Lehrern, Sozialarbeitern und den Fachleuten bei der Polizei. Und: Sprechen Sie mit ihren Kindern! Spätestens wenn musikalische Hasstiraden aus den Kinder- und Jugendzimmern tönen! Adrian schildert den langen Weg seines Ausstieges. So erkannte er zunächst einige Widersprüche in der Nationalsozialistischen Ideologie. Der nächste Schritt war die Niederlegung aller Funktionen und Ämter, zunächst blieb er der rechten Ideologie verbunden und hielt losen Kontakt zur Szene. Die Niederlagen des deutschen Terrorheeres nach der Übernahme der Heeresführung durch den „geliebten Führer“, der Nero-Befehl, im Kern bedeutete er dem deutschen Volk, lieber die vollständige Vernichtung hinzunehmen, statt das Eingestehen der vollständigen Niederlage. In Auseinandersetzung mit dieser Ideologie taten sich immer tiefere Risse auf. Adrian, der unterdessen selbst immer tiefer, bis hin zu typischen rechtsextremen Straftaten, in den Sumpf zu rutschen drohte, stellte sich der Polizei. Erst nachdem er die Strafen abgesessen hatte, begann er, sich Mithilfe des Exit-Projektes (Link siehe oben und alle erwähnten Adressen finden Sie auch in der Linkliste unseres Magazines) und dem Zentrum für demokratische Kultur, Berlin, (zum Zentrum demokratische Kultur, hier anklicken!), aktiv gegen die rechte Szene zu stellen. Weitere Artikel zum Thema Buchtipp: Stefan Michael Bar, Fluchtpunkt Neonazi, Bericht eines Aussteigers Antisemiten in Deutschland, MdB Hohmann, Fulda Und dann warfen sie den Bauern Bausch aus dem Fenster Jüdische Kindheit in Limburg, eine Zeitreise Interview mit Christa Pullmann Im Schattenreich der Freizeitgesellschaft Kein Platz für Jugendliche? „...weil wir nicht gern gesehen sind ...“ Generation Kick, Musikszene allgemein, Klaus Farin Bücher zum Thema erhalten Sie in jeder Buchhandlung oder, klick auf das Cover für mehr Informationen zu den Büchern und Bestellmöglichkeit über das Amazon-Partnerprogramm:
Geschrieben von bruni // www.riverside-magazin.de |