Winter in Afghanistan
3. Februar 2008 | Von bruni | Kategorie: Internationales
Das Auswärtige Amt hat deutschen Hilfsorganisationen eine Million Euro für lebensrettende Winterhilfsprojekte in Afghanistan zur Verfügung gestellt. Das Land werde derzeit von dem härtesten Winter seit mehr als zehn Jahren heimgesucht. Das treffe “die Schwächsten der Schwachen”, erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag in Berlin. Besonders betroffen seien schwer erreichbare Dörfer sowie Rückkehrer und Binnenvertriebene. “Vor allem Kinder und ältere Personen brauchen jetzt unsere Hilfe.”
Die Hilfsorganisation “Shelter Now” berichtet, dass die Menschen in den Ruinen der kriegszerstörten Städte und Dörfer Afghanistans bei bis zu –25c ums nackte Überleben kämpfen. “Wir wollen nicht, dass die Menschen von unserer Hilfe abhängig werden”, betont Udo Stolte. “Aber für den Winter müssen wir ihnen etwas verteilen, sonst werden viele von ihnen erfrieren oder schwer erkranken.” Ein solcher Satz kann durchaus als zynisch fehl interpretiert werden, wenngleich wir nichts unterstellen wollen. Die Hilfsorganisation engagiert sich als eine der wenigen verbliebenen in Afghanistan. Der Kriegseskalation und allen Widrigkeiten zum Trotz und fördert den langwierigen Aufbauprozess.”In Afghanistan hat der kälteste Winter seit 15 Jahren schon mehr als 500 Menschenleben gekostet (…). Laut Kinderhilfswerk Unicef sind vierzig Prozent der Afghanischen Kinder unter fünf Jahren unterernährt, zehn Prozent der Haushalte würden hungern. “Weil der Winter so lange dauert, sind die Vorräte erschöpft”, erklärte die deutsche Welthungerhilfe am Donnerstag (…).”
Es scheint, als sei der Winter mal wieder “urplötzlich” ausgebrochen …, so zumindest für den “Westen”. Islamic Relief berichtete bereits im September und wies auf die bevorstehende Katastrophe hin (Islamic Relief).
“Als er (Karsai) Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) gestern in Kabul empfing, lobte er den deutschen Beitrag zur Stabilisierung Afghanistans. Und deutsche Produkte. Vor allem Waffen. Da mag er insbesondere an Panzer gedacht haben, die der Präsident sich wünscht. Im Volk, versicherte Karsai, genösse die Bundeswehr hohes Ansehen.” (so die Welt vom 29.1.08). Das dem Präsidenten Hamid Karsai sich die Winterkatastrophe neben den Kriegssorgen nicht verschlossen haben dürfte, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden. Die Prioritätensetzung darf also hinterfragt werden. Der Treibstoffbedarf eines Panzers könnte zahlreiche Haushalte mit Heizmaterial versorgen. Aber die Prioritäten werden anders gesetzt.
Während die Bevölkerung Afghanistans hungert und friert, die Reste ihrer Behausungen regelmäßig für den westlichen “Kampf gegen den Terror” zusammengeschossen werden, während das Afghanische Volk zum “Kolateralschaden” erklärt wird, hat Karsai und haben westliche Politiker nichts besseres zu tun, als der Eskalation des Krieges in Afghanistan das Wort zu reden. Ein Strategiewechsel ist nirgends erkennbar.
Die deutsche Afghanistan Politik entwickelt sich immer mehr zum Grausen. Während Verteidigungsminister Jung durch die NATO-Forderung angeblich in Verlegenheit kam, deutsche Truppen in Kampfgebiete des afghanischen Nordens zu verlegen, drohte schnell, aber von allen die sich über diese Krieg auf dem Laufenden halten, durchaus erwartet, neues Ungemach. Der amerikanische Amtskollege Gates (der bereits als neuer Rumsfeld bezeichnet wird), fordert von den Deutschen auch Kampftruppen in den umkämpften Süden des Landes zu entsenden. Man kann nun Wetten darauf abschließen, dass es der Merkel/Jung Regierung gelingen wird, aus der Not zweifelsfrei Kapital zu schlagen: Man wird wortstark eine Ausweitung des Mandats der Bundeswehr in den Süden ablehnen, und das “kleinere Übel” der Entsendung von Kampftruppen in den Norden zustimmen. Das ist politisch von der Bundesregierung gewollt und kann auch noch als durch das ISAF-Mandat gedeckt ausgegeben werden. In der Wahl des “kleineren Übel” ist die deutsche Politik ja bekanntlich professionell. Dennoch stellt sich die Frage, ob alles was durch das Mandat gedeckt ist, auch klug und sinnvoll ist.
Derweil befleißigt sich der erste öffentlich-rechtliche Sender, der WDR 2, einen Kommentator Horst Kläuser ungeschönte Kriegshetze verbreiten zu lassen. Einleitend sagt der Mann: “Am Ende dieses Kommentars werden Sie mich für einen Kriegstreiber halten.” Genau. Auch die Aneinanderreihung von Taliban-Greueln macht das nicht besser. Afghanistan braucht den Strategiewechsel, keinen 30 jährigen Krieg.