„Aus der Loveparade“ ist falsche Konsequenz
27. Juli 2010 | Von bruni | Kategorie: Leitartikel… meint ein Teilnehmer aus unserem Landkreis.
Mehr als 500 Verletzte (auch Tage nach dem Desaster von Duisburg gibt es keine genaueren Angaben) und 21 Tote sind das anklagende Ergebnis der diesjährigen Loveparade. Über 1.4 Millionen Menschen strömten nach Duisburg zum Feiern und Tanzen. Täglich verdichtet sich, dass die Katastrophe einer Mischung aus Größenwahn, Behördenversagen, Unfähigkeit und gefährlicher Rechthaberei geschuldet ist. Kaum mehr erträglich ist der vollkommene Mangel an Selbstkritik und Sensibilität gegenüber den Opfern Wir lauschen fassungslos den Worten des Duisburger Bürgermeisters, einiger Behördenvertreter und des sogenannten “Panikforschers” …
Anbei ein Bericht eines Teilnehmers an der Loveparade in Duisburg:
von Cornelius Dehm, 27.7.2010
Nachdem wir zu viert gegen 12 Uhr am Mühlheimer Hauptbahnhof angekommen waren, sind wir nach einer Pizza mit der U-Bahn nach Düsseldorf gefahren. Aus dem Hauptbahnhof rauskommend wurden alle Partygäste einmal quer durch Duisburg geschleust. Ca. 300 Meter vor dem Tunnel, in dem später die Massenpanik ausbrach, musste jeder durch eine „Einlasskontrolle“. Aber nicht mal Rucksäcke wurden beispielsweise auf verbotene Glasflaschen – das Verbot war auf der Homepage der Loveparade groß angekündigt – kontrolliert. Gegen viertel nach 3 sind wir durch den besagten Tunnel. Schon zu dieser Zeit war es dort recht eng – wen wundert das? Immerhin war auf den Straßen vorher mehr Platz und hinter dem Tunnel war der der Eingang. Dass es hier zu Problemen kommt, spätestens wenn die ersten Personen nach Hause wollen, muss jedem klar gewesen sein. Auf dem Partygelände – für wie viele ist es eigentlich ausgelegt? 250.000, 400.000, 800.000??? – hat sich hinter dem Eingang alles gestaut. Weiter hinten im Gelände, wo wir uns den gesamten Tag aufhielten, war es angenehm voll.
Von der Tragödie im Tunnel haben wir irgendwann per Handy erfahren. Aber so etwas wirklich Genaues wussten wir nicht. Die Musik lief auch den gesamten Abend weiter, lediglich David Guetta hatte seinen Auftritt wegen des Unglücks abgesagt, sodass an der Hauptbühne um halb 12 die Musik ausgestellt wurde und die Durchsage kam „Die Loveparade ist zu Ende“.
Die Massenpanik war tragisch! Dass diese 20 Tote gefordert hat, ist unfassbar.
Welche Konsequenz wird daraus gezogen? „Das Ende der Giga-Party“ titelte die TAZ. Rainer Schaller, Organisator der Loveparade verkündete „das Aus der Loveparade“. Rechtfertigt die Unfähigkeit der Veranstalter und Genehmigungsbehörden es, die größte, friedliche Party der Welt für tot zu erklären? Wie ein Organisator solch ein (Un-)Sicherheitskonzept vorlegen kann ist mir schleierhaft. Wie eine Genehmigungsbehörde das genehmigen kann noch mehr. Da haben sowohl Veranstalter als auch Behörde versagt. Von beiden sind personelle Konsequenzen notwendig. Warum tut dies keiner?
Das Sicherheitskonzept entspricht offensichtlich dem, was z.B. Antifaschisten auf ihren Demos längst und alltäglich erleben. Zugänge vorne und hinten zu. Rechts und links kein Entkommen. Aus welchen Gründen auch immer: Wenn man – und das hat Dr. Motte richtig in einer der Gesprächsrunden angemerkt – große und gar sehr große Menschenansammlungen ungeachtet ihres Grundes generell unter dem Blickwinkel des „Sicherheitsrisikos“ betrachtet, kommt es da nicht zwangsläufig zu den totalitären „Einschränkungen“ die in Duisburg in die Katastrophe geführt haben? Und das gerade auch deshalb, weil das mit über 1 Mio. Menschen kaum mehr gesteuert werden kann. Bei der letzten Loveparade in Dortmund kamen 1,6 Mio. Menschen. Wie kann man dann ein Gelände, das für irgendwas zwischen 250.000 und 800.000 Menschen ausgelegt ist, zum Partygelände erklären? Und egal ob 250.000 oder 1,6 Mio. – Ein einziger Ein- UND Ausgang funktioniert bei dieser Masse nicht. Kein Fußballstadion Deutschlands würde alle Fans durch einen einzigen Eingang und einen 10m breiten Weg zum Stadion leiten.
Die Loveparade stammt aus Berlin. In der dortigen Kneipen- und Clubszene wurde die Loveparade an einem ganzen Wochenende gefeiert, der Umzug und die Mega-Party waren zwischen Siegessäule, Tierpark und Brandenburger Tor. Das bedeutet, es gab eine weitläufige Party, mit genügend Eingängen und mit Platz zum Ausweichen nach allen Seiten. All dies war in Duisburg nicht gegeben. Ein eingezäunter Güterbahnhof als abgegrenztes Gelände mit nur einem einzigen Eingang und Party an nur einem Tag.
Die Konsequenz, die aus der Tragödie gezogen werden muss, darf nicht heißen „Nie mehr Loveparade“. Denn das müsste bedeuten, keine Massenveranstaltungen mehr. Kein Public Viewing, keine Silvesterpartys, keine Volksfeste, keine Popkonzerte, keine Fußballspiele… Die Konsequenz muss heißen: Massenveranstaltungen nur noch mit gutem Sicherheitskonzept, das nicht von der Stadt, sondern vom Regierungspräsidium (RP) oder Land geprüft wird. Denn RP und Land sind von dem Größenwahnsinn der Stadtväter mittelgroßer Städte weiter entfernt, als die kommunale Verwaltung.
Richtig organisieren und nicht verbieten heißt die Devise!